Bibliophil in unserer digitalen Welt

Lesen Sie noch Bücher? Interessiert Sie, in welcher Schrift ein Text gesetzt ist? Dann haben Sie bestimmt auch schon mit Bedacht über die Seiten Ihrer Lieblingsbücher gestrichen und sich am glatten, weissen und bisweilen farbigen Papier erfreut. Und da Sie diesen Blogbeitrag lesen, interessieren Sie sich für Themen mit Geo-Bezug. Ich vermute also, Sie sind empfänglich für meinen Buchtipp.

Kürzlich entdeckte ich den Atlas der abgelegenen Inseln von Judith Schalansky. Er wurde 2009 veröffentlicht und erhielt Preise für Buchkunst und Design.

Steckbriefe kleinster Inseln

Im Atlas ist fünfzig kleinsten Inseln je eine Doppelseite gewidmet: Auf der rechten Buchseite ist jeweils die rahmenlose Karte der Insel. Die schlichte Darstellung zeigt die Insel mit Reliefschummerung und – wenn es ein solches gibt – Gewässernetz, angereichert mit das innere Auge inspirierenden Namen und manchmal nüchternen Höhenkoten.

In Orange, der komplementären Farbe zum Meeresblaugrau, sind Strassen und Orte der besiedelten Inseln abgebildet. Der Massstab ist für alle Karten derselbe: 1:125’000. So sprengen einige Inseln fast die ihnen zugedachte Seite, andere präsentieren sich in Seitenmitte wie Perlen auf einem leeren, unendlich weiten Meereshintergrund.

Für alle Inseln gleich ist auch die Übersicht auf der linken Buchseite: Eine Azimuthalprojektion mit der Insel auf dem Pol, der Entfernungsbalken zu den jeweils nächsten markanten Orten, Name und besitzbeanspruchende Nation, geografische Koordinaten, Fläche und Anzahl Einwohnerinnen und Einwohner. Auf einer Zeitachse – auch für alle Inseln die gleiche Skala – sind Datum der Entdeckung und weitere Ereignisse aufgetragen.

Am Schluss des Atlas findet sich ein Glossar und ein Index – wie man es sich von einem Atlas eben gewohnt ist! Der Atlas ist aber nicht nur ein Nachschlagewerk, sondern ein Buch zum Lesen. Judith Schalansky schreibt brillant. Die kurzen Texte zu den Inseln enthalten poetische Perlen und sind ein Genuss auf der Entdeckungsreise zu diesen abgelegenen Orten.

Fingerreisen (Cursorreisen?)

Mit dem Satz

Ich bin mit dem Atlas gross geworden.

leitet Judith Schalansky das Vorwort ein. Sie hatte in ihrer Jugend keine Möglichkeit, ins Ausland zu reisen. Der Untertitel des Buches lautet denn auch: Fünfzig Inseln auf denen ich nie war und niemals sein werde. Ich selbst werde diese Inseln auf jeden Fall bereisen, zumindest auf Google Maps. Dieses schöne Buch, dieser poetische Atlas lädt mich geradezu dazu ein!

 

Weitere Informationen

Judith Schalansky
© S. Schleyer, Suhrkamp Verlag

Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde.
Mare, Hamburg 2009
ISBN 978-3-86648-117-6
Buch- und Inselbeschreibung auf Wikipedia
Rezension auf Tobis Blog Lesestunden
Judith Schalansky auf Literaturport