Offene Daten: Was läuft in der Schweiz?

Es gibt das interessante aber nicht ganz unumstrittene geflügelte Wort, dass 80% aller Informationen einen räumlichen Bezug haben. Ob die 80% nun stimmen oder ob es eher 60% sind, sicherlich sind Geoinformationen weit verbreitet und von immer noch wachsender wirtschaftlicher Bedeutung. Letzte Woche fanden dann auch dicht an dicht gerade zwei sehr interessante Veranstaltungen mit Geoinformationsbezug statt: Das sogenannte Spirgartentreffen der etablierten Schweizer GIS-Community und das Open Data Camp zur Erkundung offener Daten. Wir haben beide Veranstaltungen besucht und schauen zurück:

Offene Daten: Frischer Wind für die Verwaltung? (www.opendata.ch)

Spirgartentreffen

Am Donnerstag luden SOGI, Swisstopo und HSR in Zürich Altstetten kantonale GIS-Mitarbeiter, Ingenieurinnen, Hersteller-Vertreter, Raumplaner und Naturwissenschafterinnen zum Spirgartentreffen. Die Veranstaltung verfügte dieses Jahr auch über einen Twitter-Hashtag – #spirgarten12.

Thema des diesjährigen Spirgartentreffens waren offene Geodaten. Zuerst wurden Résumées über die Aktivitäten der verschiedenen Standardisierungsorganisationen – OGC, ISO, Inspire – vorgetragen. Stefan Keller berichtete anschliessend interessant über Phänomene des Crowdsourcings und neue Webservices bezüglich Geo- und Verkehrsdaten.

Open Data in Grossbritannien…

Besonders spannend war dann der Vortrag von Jonathan Raper (ehemals Professor am giCentre der City University in London, nun Mitbegründer und Manager der Startup-Firma Placr). Jonathan präsentierte überzeugende Argumente für eine Open Data-Strategie. In Grossbritannien wurde über die letzten Jahre stark auf diese Strategie gesetzt und es entstanden zahlreiche neue Startups und Nischendienstleistungen für Bedürfnisse, die vorher (in gemischter Qualität) durch Ausgaben der öffentlichen Hand oder gar nicht abgedeckt waren.

Die Faktoren, die gemäss Jonathan Raper kumuliert zur Open Data-Strategie in Grossbritannien geführt haben im Detail:

  • Immer mehr Leute verfügen über Smartphones, mit denen einfach und mobil digitale Inhalte konsumiert werden können. Dies führt zu einer Erwartungshaltung bezüglich digitaler Inhalte aus Regierungshand.
  • Digitale Güter gehorchen eigenen Gesetzmässigkeiten. Insbesondere tendieren die Grenzkosten digitaler Güter gegen Null. Trotzdem wurden sie in der Vergangenheit wie traditionelle Güter gehandelt.
  • Open Source-Philosophie: Die Open Source-Bewegung macht sich stark für Freiheit und Selbsthilfe und bekämpft Monopole. Auch OpenStreetMap entstand übrigens in Grossbritannien.
  • Tendenz zur offenen Gesellschaft: Die junge Generation strebt mit der Nutzung von Social Media nach einer offenen Gesellschaft, weg vom alten „Broadcasting-Modell“, wo eine Autorität ihre Informationen in einer Einwegkommunikation an passive Zuhörer sendet.
  • Finanz- und Beschäftigungskrise: Der Staat kann weniger Aufgaben übernehmen und die Aussicht, dass eine Open Data-Strategie wie ein Stimulus-Paket wirken kann, ist attraktiv.

Schliesslich ging Jonathan noch auf einige oft gehörte Einwände ein:

  • Was wenn die Öffentlichkeit Fehler entdeckt? – Umso besser, das heisst man kann die Fehler dann ausmerzen und die Daten verbessern.
  • Was wenn die Öffentlichkeit die Daten falsch verwendet? – Das ist kein Problem. Auf jeden, der die Daten falsch verwendet, kommen zehn Leute, die auf diese Schwäche hinweisen oder selbst bessere Analysen durchführen.
  • Was wenn dann niemand die Daten benutzt? – So what?

Wie man sieht, hat Jonathan Raper eine sehr klare Meinung und es war erfrischend, seinen Erfahrungsberichten aus Grossbritannien zuzuhören. Einige Punkte würde ich aber sicherlich anders einschätzen; zum Beispiel wird es die Verwaltung sicherlich kümmern, wenn die Daten schliesslich nicht benutzt würden. Die Grenzkosten mögen gegen Null tendieren, aber um Daten anfänglich zu öffnen, sind Anfangsinvestitionen nötig, zum Beispiel zum Aufbau oder zur Änderung/Erweiterung der Distributionsinfrastruktur. Hier besteht sicherlich noch Abklärungsbedarf.

Nach Jonathan Raper referierte André Gollliez über den Verein Opendata.ch, der sich vor kurzem in Bern gegründet hat (ich bin Mitglied). Opendata.ch ist dabei, zusammen mit der Berner Fachhochschule eine Studie zu verfassen, welche die Wirkungen einer Öffnung des staatlichen Datenmonopols untersucht. Dominik Angst von ITV referierte dann über die Frage, wie Geodaten aus Crowdsourcing allenfalls in offizielle Geodaten zu integrieren wären. Unsere Ansicht diesbezüglich ist, dass eine Koexistenz der Daten sinnvoll und nützlich ist, nicht aber die eigentliche Datenintegration. Unsere Ideen dazu wird Stephan Heuel von Ernst Basler + Partner an der kommenden GeoSummit in Bern präsentieren.

… und im Baselbiet

Der Vortragreigen schloss dann mit Jean-Marc Buttliger aus dem Kanton Basel-Land, der über die weitestgehend kostenlose Geodatenabgabe seines Kantons berichtete. Die Einnahmen aus der Datenabgabe gingen um circa Faktor 4 zurück (für händische Datenabgabe wird ein Unkostenbeitrag in Rechnung gestellt), derweil die bezogene Datenmenge um circa Faktor 5 zunahm. Interessanterweise beziehen Architekten, Firmen, Privatpersonen und Schulen anteilsmässig immer noch dieselbe Menge an kantonalen Geodaten wie im alten Regime. Natürlich hatte es zum Öffnungsschritt viel Überzeugungsarbeit bedurft, aber Herr Buttliger zog ein positives Fazit.

 

Make.Opendata.ch

Das Spirgartentreffen wurde Freitag und Samstag vom Anlass make.opendata.ch gefolgt. Die Veranstaltung wurde vom Verein Opendata.ch organisiert und fand gleichzeitig in Genf und in Zürich statt. Thema der aktuellen Austragung war Verkehr, und insbesondere öffentlicher Verkehr.

Nach Vorträgen von unter anderem Vertretern der SBB und Leumund.ch teilten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Gruppen auf und begannen selbstständig damit, mit zur Verfügung gestellten Daten (zum Beispiel die Transport-API) innovative Analysen, Visualisierung und Applikationen zu erstellen.

Die anwesenden Vertreter von SBB und MeteoSchweiz haben sich rege mit der überwiegend jungen Entwicklerschar über offene Daten, APIs, Datenabgabeformate und innovative Anwendungen ausgetauscht.  Es wurde schnell klar, dass sehr spannende Anwendungen entstünden, wenn die Schweizer Behörden ihre Datenschätze öffnen würden. Obwohl es noch nicht so weit ist, haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des „Hackathons“ Freitag und Samstag spannende Applikationen erstellt.

Die Resultate können Sie sich unter  auf make.opendata.ch anschauen. Auch der Twitter-Stream zum Thema sowie der Blogpost von Leumund.ch und der Artikel der Netzwoche sind lesenswert!

 Aktualisierung: Die Folien der Vorträge sind nun online verfügbar

Ralph Straumann

Ralph Straumann

Ralph Straumann (Dr. sc. nat.) hat an der Universität Zürich Geographie mit Vertiefung in GIS, Wirtschaftsgeographie und Politologie studiert.

Seit 2010 arbeitet er im Tätigkeitsfeld Systemberatung + Analytik von EBP Informatik als Senior Consultant.

Er berät Kunden bei strategischen Fragen, zu Geschäftsprozessen und Organisation sowie bezüglich Quellen, Modellierung, Workflows und Analyse mit verschiedenartigen Daten im Schnittbereich zwischen IT/GIS und Anwendungsfeldern wie Verkehr und Raumplanung.

Mail: ralph.straumann@ebp.ch

Ralph Straumann auf:

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3 Antworten

  1. Stefan K. sagt:

    Guter Blog, der über die Publikationen (z.B. der Vortragsfolien als) hinaus einen Eindruck vermittelt, was am 21. Spirgarten-Treffen’12 diskutiert wurde und der die Diskussion hier weiterführt.

    Zur Info: Ich habe im geowebforum ebenfalls eine Nachlese verfasst mit dem Titel „Spirgarten-Treffen’12 mit „Open Government Data“ frischt Thesen auf und gibt Ausblick auf GEOSummit 2012“: http://www.geowebforum.ch/thread.php?threadID=1014#2509

    LG, Stefan

  1. 29. April 2012

    […] GeoEPB: Offene Daten: Was läuft in der Schweiz? […]

  2. 21. September 2013

    […] “Offene Daten: Was läuft in der Schweiz?” (Geo.ebp.ch, 02.04.2012) […]

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